[Geplaudert mit...] Lektor und Programmleiter Carsten Polzin



mit diesem Post möchte ich ein neues Format starten. 'Geplaudert mit...' soll nicht immer ein klassisches Frage-Antwort-Interviewding sein. Viel mehr möchte ich mit anderen Bloggern, Autoren und anderen Büchermenschen einfach nur 'plaudern' und euch mit diesen Posts an den Gesprächen teilhaben lassen. 
Den Anfang macht Carsten Polzin, Lektor und Programmleiter bei Piper Fantasy. 


Möchten Sie sich selbst kurz in eigenen Worten vorstellen?

Lektor, Piper, Programmleiter, Interview
Carsten Polzin
©Anke Gröger
Seit meiner Kindheit lese ich Science Fiction und Fantasy und habe mich auch immer für die Arbeit in einem Verlag interessiert. Neben dem Studium der Rechtswissenschaften war ich freiberuflich für mehrere Verlage und Literaturagenturen tätig, 2004 stieg ich dann bei Piper als Lektor ein. Seit 2005 bin ich Programmleiter für Piper Fantasy. 2012 habe ich zusätzlich das Jugendbuchlabel ivi gegründet, das sich an Leserinnen ab 14 Jahren richtet. Und 2015 ist zur Fantasy dann noch ein Science-Fiction-Programm hinzugekommen. Damit können wir die gesamte Bandbreite des phantastischen Genres abbilden. 

Was ist das eigentlich? Ein 'Lektorat'? Was machen Sie den ganzen Tag? Beschreiben Sie doch Ihren typischen Ablauf, wenn Sie an einem Manuskript arbeiten. 

Das alltägliche Bürogeschehen nimmt den größten Raum ein: Programmplanung, Rechteeinkauf, Telefonieren, Mails schreiben, in Konferenzen sitzen. Die eigentliche Arbeit am Text kommt tagsüber leider oft zu kurz und findet dann eher abends oder am Wochenende statt. In einem Verlag im Lektorat zu arbeiten, bedeutet also nicht nur, Manuskripte zu lesen und zu redigieren. Im Grunde ist es ein normaler Bürojob, nur dreht dieser sich immer um etwas besonders Schönes – nämlich ein Buch. 

Welche Tools und Programme kommen bei Ihnen zum Einsatz? 

Wir arbeiten – wenig überraschend – mit Word, Excel und diversen Datenbanken. Das macht die Programmarbeit manchmal einfacher, manchmal aber auch aufwendiger und kleinteiliger. 

Ist das Lektorat denn wirklich so wichtig? Bücher verkaufen sich doch auch so, oder? 

Als großer Publikumsverlag können wir heute, in einer Flut von Selfpublishern, vor allem gerade durch gute Lektoratsarbeit einen Mehrwert für Autoren und Publikum bieten. Manche Bücher mögen sich „auch so verkaufen“, aber die allermeisten Texte sind doch ein Ergebnis aus der Zusammenarbeit eines Autors mit einem Lektor oder einer Lektorin. Das gilt übrigens inzwischen auch für viele Selfpublisher, die erkannt haben, dass die redaktionelle Arbeit am Text wichtig ist. Das Überarbeiten eigener Texte führt bekanntermaßen zur Betriebsblindheit. Da ist es in jedem Fall hilfreich, dass ein anderer gegenliest. Das heißt ja nicht, dass man als Autor auch alles annehmen sollte oder muss, was ein Lektor vorschlägt. Allein aus der Diskussion ergeben sich oft neue Wege, eine Textstelle oder einen Handlungsstrang besser aufzulösen. 

Irgendjemand ist immer schuld. So lastet besonders auf ÜbersetzerInnen und Lektoren große Verantwortung. Ein Satz sitzt hier nicht richtig, dort wird ein Fehlerteufel übersehen. Nicht selten machen sich Fans deshalb öffentlich Luft. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um? 

Diese Kritik ist für uns immens hilfreich. Natürlich läuft nicht immer alles 100%ig perfekt, und immer wieder findet man selbst den einen oder anderen Fehler, wenn das Buch gerade frisch gedruckt auf dem Tisch liegt. Deshalb sind wir für Kritik und Verbesserungsvorschläge immer offen. Wir machen die Bücher ja nicht für uns selbst, sondern für die Leserinnen und Leser. Man kann aber noch hinzufügen, dass der überwiegende Teil der Veröffentlichungen keine Fehler aufweist. Es werden eben nur die Fälle, in denen es bedauerlicherweise zu solchen gekommen ist, diskutiert. 

Welchen Unterschied machen die verschiedenen Genres im Lektorat? Ist es beispielsweise schwerer oder einfacher, einen Fantasy-Roman zu lektorieren? 

Da gibt es keine Unterschiede. Jedes Genre hat seine eigenen Herausforderungen. Und auch innerhalb der Fantasy oder Science Fiction unterscheiden sich die Romane sehr stark, was Stil, Sprache und inhaltliche Herangehensweise betrifft. Wir machen sowohl literarisch anspruchsvolle Fantasy wie sehr kommerziell geschriebene Military SF. Wichtig ist dann eben, dass der Text im jeweiligen Segment stimmig ist. 

Gibt es Punkte auf die Sie beim Lektorieren von Fantasy-Romanen besonders achten?

Auch im Fantasy-Roman muss alles in sich gut strukturiert und logisch sein. Nur weil die Handlung in einer phantastischen Welt spielt, heißt das nicht, dass man einfach drauflos schreiben kann. Im Gegenteil, eigentlich ist es noch viel schwieriger, eine funktionierende Welt zu erschaffen, als sich für einen Krimi oder Liebesroman bei den bereits vorhandenen und den Lesern bekannten Gegebenheiten unserer Wirklichkeit zu bedienen. Viele Außenstehende unterschätzen den Aufwand und das Maß der Recherche, das einem guten Fantasy- oder Science-Fiction-Epos zugrunde liegt. Sei es die geographische Entwicklung einer Welt oder der Aufbau einer fiktiven gesellschaftlichen Struktur, da gibt es viele Feinheiten und Fallstricke, auf die man achten muss. Von den ganz großen Entwürfen wie der Millionen Jahre umspannenden Future History eines Stephen Baxter oder dem extrem ausdifferenzierten und komplexen Magiesystem eines Brandon Sanderson ganz zu schweigen. 

Auch von AutorInnen wird das Lektorat nicht so sehr geliebt, oder? Schließlich wird ihnen da die eigene Fehleranfälligkeit als Spiegel vorgehalten. Kommt es da auch mal zu Reibereien? 

Ich muss sagen, und das mag genrebedingt sein, dass die redaktionelle Zusammenarbeit mit Autoren im phantastischen Bereich eigentlich nie problematisch ist. Nochmal, das heißt nicht, dass sie alles annehmen, was wir ihnen vorgeben. Das wäre ja furchtbar. Schließlich schreiben die Autoren die Bücher und nicht wir. Aber die Diskussionen über die Texte sind intensiv und konstruktiv. Und wir haben in der Phantastik ohnehin die wunderbarsten Autorinnen und Autoren der Welt. 

Was ist das Schlimmste, das Ihnen als Lektor jemals untergekommen ist? 

Es kommen einem schon immer mal wieder überraschend unfertige Texte unter. Aber als „schlimm“ würde ich das nicht bezeichnen. 

Was sind die häufigsten Fehler, die immer und immer wieder gemacht werden? 

Da gibt es alle Varianten: Verwechslungen von Personen, Tote erwachen wieder zum Leben, Augenfarben ändern sich, Zeitangaben passen nicht zusammen. 

Und was ist die 'Macke' von Michael Peinkofer? 

Michael Peinkofer
©Helmut Henkensiefken

Michael Peinkofer ist ein absoluter Profi, der beim Schreiben stets das Gesamtwerk im Blick hat und sehr plotgetrieben und visuell denkt. Er mag das eine oder andere Lieblingswort haben, das sich immer mal wieder in die Sätze einschleicht, aber das ist keine Macke, sondern eine sympathische Eigenheit, die seine Texte letztlich ausmacht. Das gilt für jeden Autor. 



Kann man als Lektor Bücher noch genießen oder lektoriert man im Geiste immer direkt? 

Oh, das wäre ja schrecklich, wenn man Bücher nicht mehr genießen könnte. Aber es stimmt natürlich, man liest auch immer mit dem Blick des Lektors mit und ärgert sich als Leser ebenso wie alle Leserinnen und Leser darüber, wenn man über einen schlecht formulierten, fehlerhaften oder unlogischen Satz stolpert. 

Wann hat sie zuletzt ein/e Autor/in positiv überrascht und wie ist ihm/ihr das gelungen? 

Brandon Sanderson, der kürzlich auf der Leipziger Buchmesse und zum ersten Mal in Deutschland war, mit seiner Aussage: „Ich wusste gar nicht, dass Deutsche auch lustig sein können.“ 

Last, but not least: Ihre aktuelle Lektüre und der absolute Buchtipp? 

Als Jack-Reacher-Fan lese ich gerade den aktuellen Roman von Lee Child. Und als Buchtipp: Neben Michael Peinkofers Tote Helden möchte ich da einen ivi-Titel nennen - Stephanie Garber hat mit Caraval ein herausragendes Debüt vorgelegt, das sich seit Wochen ganz oben auf der New-York-Times-Bestsellerliste hält und eine ganz besondere Mischung aus magischer Schauergeschichte, Abenteuer und Liebesroman ist, die einen einfach total reinzieht. Eines dieser Bücher, das man – einmal angefangen – einfach fertiglesen muss. 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. 


Tote Helden, Michael Peinkofer, Interview

Gewinnspiel 
Das Gewinnspiel ist beendet und die Gewinnerin wurde benachrichtigt.
Dieser Artikel erschien im Rahmen der von Literaturschock organisierten Blogtour, und ihr könnt dadurch eine signierte Printausgabe von Michael Peinkofers Tote Helden gewinnen. Auch bei den anderen Teilnehmern gibt es je ein Buch zu gewinnen, allerdings könnt ihr nur einmal gewinnen. 
Beantwortet mir einfach folgende Frage in den Kommentaren oder per Mail
Welche Antwort des Lektors hat euch am meisten überrascht bzw. fandet ihr besonders interessant?





  

Teilnahmebedingungen 
- Teilnahme ab 18 Jahren Versand nur nach Deutschland. 
- Eine Teilnahme ist während der gesamten Blogtour auf allen Blogs möglich, doppelte Gewinne sind allerdings nicht möglich.
- Hinterlasse mir eine Kontaktmöglichkeit, damit ich dich im Gewinnfall benachrichtigen kann.
- Mit der Teilnahme erklärst du dich damit einverstanden, dass deine Adresse im Gewinnfall an den Verlag übersendet wird, damit dieser dir dein Buch zuschicken kann. (Deine Post- und E-Mail-Adresse werden dabei ausschließlich für dieses Gewinnspiel genutzt.)
- Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 
- Eine Barauszahlung ist nicht möglich. 

Ab dem 07.04. erfolgt die Auslosung der Gewinner/innen, die per Mail benachrichtigt und auf den teilnehmenden Blogs bekannt gegeben werden. 

Alle Beiträge im Überblick
29.03. Eva-Maria schreibt über das Motiv des Fremden auf Schreibtrieb
30.03. Mareike erforscht auf Bücherkrähe die Hintergründe der Religion in Astray
31.03. Cindy widmet sich auf Piranhapudel den Themen Schicksal, Bestimmung, Zukunft & Vorhersehung
01.04. Ich dürfte Carsten Polzin löchern
02.04. Suse von Literaturschock berichtet von der Lesung auf der Leipziger Buchmesse

03.04. Zum Abschluss unterhält sich Jürgen auf Hysterika in einem Podcast mit Michael Peinkofer.

Kommentare:

  1. Hallo und guten Tag,

    Danke für das interessant geführte Interview.

    Am meisten beeindruckt hat mich die Erklärung was man eigentlich unter der Bezeichnung " Lektorat" versteht, wenn man als solcher arbeitet und wie Herr Carsten Polzin uns Lesern und Leserinnen mal so einen Tagesablauf schildert hat.

    Was da alles dazu gehört...ist schon Wahnsinn oder?
    Und das man vieles gerade wie das Lesen der Buchvorlagen eher abends oder am Wochenende machen kann, weil der Tag sonst mit anderen, auch sehr wichtigen Sache verplant ist...

    Sicherlich alles ganz schön stressig,so empfinde ich es zumindest. Aber ich denke die Liebe zu Bücher entschädigt da schon ein bisschen....

    LG..Karin..

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    1. Liebe Karin,
      ja, das dachte ich mir auch "ganz schön stressig" und "wenig Freizeit" :D

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  2. Da ich Fantasy liebe und mein bevorzugtes Genre ist beim lesen fand ich den Punkt zum:"Gibt es Punkte auf die Sie beim Lektorieren von Fantasy-Romanen besonders achten?" sehr interessant.

    LG..Jenny

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  3. Hallo,

    ich fand den Punkt, was immer wieder falsch gemacht wird, spannend... vor allem, dass Tote wieder lebendig werden ;)

    LG

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  4. Hallo und vielen Dank für das interessante Geplaudere! Ich fand vor allem die Antwort interessant, in der die Wichtigkeit des Lektorats erläutert und begründet wird.

    Liebe Grüße
    Katja

    kavo0003[at]web.de

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  5. Wie oben schon gesagt wurde, ist der Job scheinbar stressiger als man auf den ersten Blick meinen mag und man muss wirklich komplett offen für ein/mehrere Genre sein. Was mich zur logischen Struktur führt: Es muss nachvollziehbar sein, auch wenn man auf dem Gebiet nicht bewandert ist oder gar eine neue Welt geschaffen wurde. Da will so mancher Autor sicher seinen Lektor nicht missen :P

    Witzig fand ich unten den Punk mit, "Dass die Deutschen auch witzig sein können." Immer die Vorurteile XD

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    1. Ja, die Antwort von Brandon Sanderson fand ich auch ziemlich witzig^^

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    2. Herzlichen Glückwunsch, du hast das Buch gewonnen - Suse von Literaturschock wird sich bei dir melden, wegen Adresse, etc. =)

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    3. Hier nochmal ein "offzielles" Dankeschön :D

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  6. Vielen Dank für dieses interessante Geplauder mit dem Lektor. Ich habe jetzt eine sehr gute Vorstellung davon, was diese Lektoren eigentlich machen. In dieser Art hätte ich mir Berufsvorstellungen gewünscht, als ich selbst auf der Suche war, was ich machen will. Mensch - Lektor würde mich auch gefallen! Echt toll.
    Überrascht hat mich, dass der Lektor tatsächlich viel mit Word arbeitet; denn eigentlich ist es kein Profitool und kommt bei größeren Texten an seine Grenzen (leidvoll in meiner Diplomarbeit erfahren).
    LG
    Daniela von Buchvogel
    PS: Ich folge dir nun

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    1. Bitte, freut mich, dass es dir gefallen hat. =)

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  7. Huhu!

    Sehr schön, ich finde es unheimlich interessant, mal ein Interview mit jemandem zu lesen, der hinter den Kulissen an der Entstehung von Büchern mitarbeitet! Die Fragen und Antworten fand ich sehr aufschlussreich. :-)

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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  8. Hallöchen,

    das Interview bzw. den Plauderbeitrag finde ich echt interessant. Gerade so Dinge wie ein Lektorat und deren Tätigkeiten war mir bisher unbekannt (oder besser gesagt so ein kleines Mysterium). Danke, dass du diese Lücke mit deinem tollen Beitrag gefüllt hast :)

    Liebe Grüße,
    Kaddy

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